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Wenn Stabilität nicht skaliert: Mein Pivot

  • Autorenbild: Kannan Palani
    Kannan Palani
  • 14. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit

Für einen grossen Teil meines Lebens habe ich genau das gemacht, was man „richtig“ findet. Ich habe fleissig studiert. Ich bin ins Ausland gegangen. Ich habe den passenden Hochschulabschluss gesammelt. Wie für viele Inder:innen meiner Generation war Bildung weniger eine Reise der Entdeckung, sondern vor allem ein Weg zu einem sicheren, angesehenen Job. Das galt als Erfolg. Das galt als Sicherheit.


Und ja — es hat funktioniert.


Die indische Diaspora ist stark gewachsen: von rund 20 Millionen im Jahr 2000 auf etwa 35 Millionen im Jahr 2025. An meiner INSEAD‑MBA‑Klasse waren ungefähr 20 Prozent Inder:innen — deutlich mehr als jede andere Nationalität. Uns fehlte es nicht an Ambitionen, wir wussten einfach genau, wohin wir sie richten sollten. Das System war darauf ausgelegt: Studentenvisa, Sponsoring durch Arbeitgeber, Programme für Fachkräfte. Bürgerrechte? Langer Weg, wenn überhaupt. Familien in Indien verlassen sich auf uns. In einem Land, das 130 Milliarden US‑Dollar pro Jahr rücküberweist, ist ein guter Job nicht nur Lohn — er ist die Absicherung der ganzen Familie.


Wir lernen früh, dass Stabilität kein Luxus ist. Sie ist Pflicht. Und diese Haltung bleibt. Auch heute, wenn ich über Unternehmertum spreche, höre ich immer wieder dieselben Reaktionen:„Bleib angestellt, spare, investiere, irgendwann bist du frei.“Oder: „Ein Job ist Identität. Den gibt man nicht einfach auf.“Oder: „Wofür überhaupt Leute einstellen? Heute machst du so vieles alleine.“


Nichts davon ist unlogisch. Ich habe all diese Positionen selbst vertreten — je nach Lebensphase.


Aber irgendwann hat mich etwas gestört. Mir fiel auf, wie oft „später“ eigentlich „niemals“ bedeutet. Wie selbstverständlich wir finanzielle Unabhängigkeit planen, aber nie die Abhängigkeit von Anstellung hinterfragen. Wie Risikovermeidung sich langsam zu einem kompletten Ausweichen von Chancen entwickelt. Natürlich feiern wir die grossen Namen indischer Herkunft in globalen corporate Spitzenpositionen — Indra Nooyi, Sundar Pichai, Vasant Narasimhan, Leena Nair, Satya Nadella. Und das sollen wir auch. Sie zeigen, wie weit wir innerhalb bestehender Systeme kommen können. Aber für jede dieser Erfolgsgeschichten gibt es Millionen von uns, die nie etwas Eigenes wagen, weil Festanstellung sicherer scheint.


Was sich für mich verändert hat: Die Risikolandschaft ist heute schlicht eine andere.

Mit KI, günstigen Experimentiermöglichkeiten und flexiblem Zugang zu Talent sind die Anfangshürden massiv gesunken. Man kann Ideen testen, ohne Jahre zu verbrennen. Man kann loslegen, ohne gleich alles aufs Spiel zu setzen. Das Risiko ist nicht weg — aber es ist konkreter, berechenbarer, ehrlicher als früher.


Gleichzeitig sehe ich klarer, was „Nicht versuchen“ kostet:aufschobene Freiheit, zurückgehaltene Kreativität und dieses leise Bedauern, nie herausgefunden zu haben, wozu man eigentlich fähig wäre.


Die indische Diaspora hat über Jahrzehnte enorm viel Kapital zurückgeschickt. Aber Viksit Bharat (ein entwickeltes Indien) wird mehr brauchen als Geld. Es braucht Menschen, die bereit sind, zu bauen, bevor alles wasserdicht ist. Es braucht Unternehmertum, Initiative, Leadership. Ich distanziere mich nicht von meinem Hintergrund. Ich handle gerade wegen ihm.


Ich verstehe, warum wir Stabilität schätzen. Ich verstehe, warum Jobs sich sicher anfühlen. Ich verstehe, warum Risiko uns nervös macht. Aber ich sehe auch, dass Sicherheit, wenn man sie zu fest hält, unsere Vorstellungskraft schrittweise einschränkt.


Darum gehe ich jetzt bewusst Risiken ein — nicht unüberlegt, nicht blind, sondern mit Absicht.


Nicht, weil mir Sicherheit egal ist. Sondern weil ich ihre Grenzen endlich verstehe.

 
 

© 2026 Kannan Palani

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