Menschen vor Profit: Was Sinn leistet und was nicht
- Kannan Palani

- 30. Mai
- 3 Min. Lesezeit
«Schau mal. Du darfst das Frühstück nicht vor 06:15 Uhr bereitstellen. Da steht es.» Sie zeigte auf einen kleinen Text neben dem hundert Jahre alten Lastenaufzug, der das Essen zwischen den Stockwerken transportierte. Ich hatte es seit mehreren Tagen ab 6 Uhr gemacht, und wegen der Geschlechtertrennung in der Küche war das ohnehin nicht ihr Bereich. Trotz mehr als drei Stunden täglicher Meditation hatte die Box-Ticker in ihr ihr Element gefunden.
«Es ist seltsam, dass andere so anders denken als ich, oder?» sagte ich.
«Ja. Und es hat nichts mit deiner Hautfarbe zu tun.»

Wir waren neun Freiwillige, die zusammengekommen waren, um Studierenden der Vipassana-Meditation zehn Tage Unterkunft, Verpflegung und Mahlzeiten zu ermöglichen, völlig kostenlos, von 05:30 Uhr morgens bis 21:00 Uhr abends. Die Unterrichtserteilung übernahmen autorisierte Lehrpersonen. Wir kümmerten uns um alles andere. Bis auf eine weitere Person mit einem ähnlichen Hintergrund wie meinem kamen wir alle aus völlig verschiedenen Lebenswelten. Was uns verband, war die Praxis selbst und der Wunsch, anderen weiterzugeben, was sie uns gegeben hatte.
Am ersten Tag lernte ich einen erfahrenen Server kennen, der bereits mehrere Monate dort verbracht hatte. Er kannte die Küche und ihre Abläufe so, wie man es nur durch Zeit lernt. Als er mich für etwas angeschnauzt hat, das nicht in seinen Bereich fiel, sagte ich ihm klar, dass man direkt mit mir reden solle und er bei seiner Rolle bleiben solle. An jenem Abend fragte ich meine Kollegen laut, ob der Ton, den er mir gegenüber verwendet hatte, etwas mit meiner Hautfarbe zu tun hatte. Was ich damals nicht vollständig erkannt hatte, war, dass er nach diesem ersten Tag, trotz meiner weiteren Versuche, nie mehr mit mir sprach. Dies, obwohl wir jeden Abend explizit über begangene Fehler und Vergebung meditierten. Eine Woche später, am Lastenaufzug, antwortete eine Kollegin auf eine Frage, die ich nie gestellt hatte.
Niemand meldet sich freiwillig für sechzehn Stunden harte Küchenarbeit am Tag ohne einen überzeugenden Grund. Mit mehr als drei Stunden Meditation täglich ist der moralische Kompass vorhanden und das Bewusstsein real. Und dennoch, nach wenigen Tagen, setzt der Autopilot ein. Das Ego findet seine Oberfläche. Die Regeln werden zum Zweck, anstatt ein Mittel zum Zweck zu sein. Abläufe und Prozesse existieren aus gutem Grund und sie machen notwendige Abwägungen, die individuelles Urteilsvermögen allein nicht leisten kann. Wenn ich einem Meditierenden erlaube, weit nach der Schliessungszeit zu essen, weil es im Moment freundlich erscheint, verzögere ich die Reinigung, verkürze die Pausen für alle Server und lasse die Cafeteria länger geschlossen, was bedeutet, dass andere sich nicht einmal selbst mit Wasser oder Tee versorgen können. Die Regel, die ich für einen gebogen habe, bestrafte still viele andere.
Mein erster Vipassana-Einsatz lehrte mich den Wert harter körperlicher Arbeit, einen Haufen Regeln und einen anspruchsvollen Zeitplan. Aber mehr als das, zeigte er mir die menschliche Natur aus nächster Nähe. Ich schätze meine Businessausbildung sehr, weil sie mir geholfen hat zu verstehen, wie Kapital und Arbeit zusammenwirken, den Wert von Vielfalt und Wirtschaft als eine Kraft für das Gute. Dennoch ist Sinn überzeugender als Geld. Ich lernte auch, wie selbstlose Arbeit sich still in Stolz verwandelt, wie Beschäftigtsein einfacher ist als echter Dienst, und wie höflich sein manchmal einfacher ist als das Richtige zu tun. Auch wenn Kapital aus dem Bild genommen wird, erscheinen unsere Sankaras, unsere unbewussten Autopiloten, in keiner Bilanz. Karma kann nicht als Sunk Cost abgeschrieben werden, und Sinn kann nicht als perfektes Gegenmittel zu Kapital gesehen werden. Wenn man also Menschen vor Profit stellt, müssen die Vorurteile und Grenzen menschlicher Teams anerkannt werden. Sie werden die Performance immer beeinflussen, mit oder ohne Geld im Raum.


